Amnesty Journal Türkei 15. März 2011

Verschwundene Meere

Der deutsche Schriftsteller Doğan Akhanlı kehrte lange Zeit von einer Reise in die Türkei nicht zurück. Monatelang saß er in Untersuchungshaft – er soll an einem Überfall auf eine Geldwechselstube beteiligt gewesen sein. Menschenrechtler vermuten einen politischen Hintergrund.

Von Imre Török

Gustav Mahlers 2. Sinfonie.
Die hört der Inhaftierte wohl gerade nicht, an dunklen Spätherbsttagen des Jahres 2010. Im Gefängnis. Was vernimmt er stattdessen? Schreie? Wehklagen hat er gewiss gehört, und Folterschreie, in seiner Jugend im Militärgefängnis.

Doğan Akhanlı, türkischer Schriftsteller, deutscher Staatsbürger, geboren 1957 in Şavşat am Schwarzen Meer. Mit 23 Jahren, nach dem Militärputsch in der Türkei, wurde er im Untergrund politisch aktiv, bis zu seiner Inhaftierung. Eingekerkert als politischer Häftling im Militärgefängnis von Istanbul. Vier Jahre später floh er aus der Türkei nach Deutschland. Nach knapp zwei Jahrzehnten reiste er zum ersten Mal wieder in seine Heimat. Er wollte seinen nicht mehr reisefähigen alten Vater besuchen. Bei seiner Einreise in die Türkei am 10. August 2010 wurde der Schriftsteller und Menschenrechtler Doğan Akhanlı verhaftet.

Das Flugzeug fliegt bereits tief, fliegt über das matt glitzernde Meer, bevor es landet auf dem Flughafen Sabiha Gökçen, im asiatischen Teil von Istanbul. Touristen aus Deutschland kommen hier im August an und türkische Familien, alle wollen weiter, zu Urlaubsorten oder zu Verwandten. Lange, geschwätzige Schlangen vor der Passkontrolle, getrennt nach einheimischen und ausländischen Staatsbürgern. Doğan Akhanlı reiht sich mit seinem deutschen Pass ein. Die Beamten sind freundlich, die Kontrolle erfolgt zügig. Nur als Doğan Akhanlı an der Reihe ist, gibt es eine Unterbrechung. Gegen ihn liegt bereits ein Haft­befehl vor.

Gefängnis in Tekirdağ, Westtürkei, 2010.
Noch Monate nach der Verhaftung ohne Prozess. Woran mag der Inhaftierte denken, endlose Tage, endlose Nächte lang? Gerade einer wie er weiß, wie viele Menschen in aller Welt unschuldig, aus politischen Gründen, in Gefängnissen festgehalten werden. Er, ein Kämpfer für Menschenrechte und Völkerverständigung, weiß, dass Organisationen wie Amnesty International sich für ihn einsetzen werden.
Trotzdem, wie schwer zu hoffen. Endlose Tage, endlose Nächte lang. Wenn er an seinen fast neunzigjährigen Vater denkt. Wenn er Stationen seines eigenen Lebens Revue passieren lässt. Wie bleischwer kann Hoffen dann werden.

Fünf Monate Haft 1975.
Das erste Mal sperren sie ihn mit 18 Jahren ein, weil er an einem Kiosk eine linke Zeitung gekauft hatte.

Militärgefängnis Istanbul 1985.
Bei einer Razzia an der Universität in Izmir wurde der politische Aktivist erneut festgenommen. Einzelzelle. Regelmäßige Vernehmungen. Unvorstellbare Folter durch den Staatsapparat der Militärdiktatur.»Du wirst auch noch singen. Wenn du wüsstest, wen wir hier schon zum Sprechen gebracht haben!«

Der Gefolterte sagt kein Wort über seine Organisation, über die politische Arbeit. Sagt nur, dass die Folterer tun sollen, was sie nicht lassen können, aber die Revolutionäre würden sie nicht besiegen können. Eine Entschlossenheit, die den Polizisten mal Respekt einflößt, sie mal zur Raserei bringt. Nach manchen dieser »Vernehmungen« wird er ohnmächtig in seine Zelle zurückgeschleppt. Die Folterer verfallen auf eine perfide Idee. Sie führen seinen Sohn Can in den Vernehmungsraum. Der Name Can be­deutet Leben. Die Folterer bringen das Kind vor den Augen des Vaters zum Weinen.

»Alles kann ich ertragen, aber wenn ich meinen Sohn höre, dann leide ich unbeschreibliche Qualen«, erzählt Doğan Akhanlı einem Mithäftling. Sie kommunizieren über die Zellenwand hinweg. Nach den Vernehmungen, nach den Folterqualen bittet er seinen Zellennachbarn. »Landsmann, sagst du mir das Gedicht ›Richte dich nicht so zugrunde‹ von Ahmet Arif auf?«

Nach seiner Entlassung zwei Jahre später, nach seiner Flucht aus der Türkei, lebt Doğan Akhanlı als politischer Flüchtling in Köln, die Asylanerkennung erfolgt 1993. Er engagiert sich für Menschenrechte, arbeitet beim »Kölner Appell gegen Ras­sis­mus«, organisiert Kulturprojekte, so zum Thema Völkermord an den Armeniern, leitet das Projekt »Erinnerung und Geschichte«. Und er arbeitet als Schriftsteller. Ende der neunziger Jahre erscheint seine Trilogie »Die verschwundenen Meere« in türkischer Sprache.

Die Wellen des Schwarzen Meeres, an dem er aufwuchs, nahe der Grenze zu Georgien. Als Fischer, als Instrumenten­bauer wollte er ein einfaches Leben führen. Das Glitzern des Marmarameeres, beim Anflug auf den Flughafen Sabiha ­Gökçen, nun 53-jährig.

In der Trilogie »Die verschwundenen Meere« erzählt der Schriftsteller von seiner Jugend in der Türkei, als Zeitzeuge, als politisch Verfolgter. Zugleich beschreibt er kritisch die politische Entwicklung in seiner Heimat in jener Zeit.
Im dritten Band aber, in einer Zeitreise, die zurück in die ­ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts führt, legt der Autor den Finger auf einen wunden Punkt in der türkischen Geschichte, auf die Massaker an den christlichen Armeniern im Osmanischen Reich (vorwiegend in den Jahren 1915 bis 1917). Den Gräueltaten fielen nach türkischen Angaben 300.000, nach armenischen Angaben 1,5 Millionen Armenier zum Opfer. Nach offizieller türkischer Lesart handelte es sich bei den Ereignissen nicht um Völkermord.

Der türkische Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk wurde 2005, als er die Ereignisse als Genozid bewertete, wegen »öffentlicher Verunglimpfung des Türkentums« angeklagt.

Doğan Akhanlı weiß das.
Er weiß auch, dass es neuerdings in der Türkei Bestrebungen gibt, die Armenienfrage liberaler zu handhaben. Er weiß, dass sein Buch »Der letzte Traum der Madonna« von türkischen Schriftstellern und Kritikern zu den zehn besten Romanen des Jahres 2005 gerechnet wurde. Der Autor beschreibt darin das tragische Schicksal von über 700 jüdischen Flüchtlingen: Mit dem bulgarischen Schiff Struma wollen sie Ende 1941 nach Palästina gelangen. Nach einer Irrfahrt mit Maschinenschaden treibt das Schiff vor der türkischen Küste, Hilfe wird wochenlang verwehrt. Fast alle Passagiere kommen um, als die Struma von einem sowjetischen U-Boot mit einem Torpedoschuss versenkt wird, nordöstlich des Bosporus.

Es ist, als wolle der rechte Tragflügel, wenn der Flieger mit gedrosseltem Antrieb in den Landeanflug auf Sabiha Gökçen geht, im Abendlicht durchs Meer pflügen. Warum sollte der ­Insasse nicht als freier Mensch in seine Heimat einreisen?
Die türkische Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, er habe im Oktober 1989 an einem Überfall auf eine Geldwechselstube in Istanbul teilgenommen, bei dem der Besitzer zu Tode kam. Zudem sei Akhanlı »Kopf« einer auf den Umsturz der verfassungsmäßigen Ordnung abzielenden bewaffneten Organisation. Ein Umstand, der nach dem türkischen Strafgesetzbuch mit einer lebenslangen Gefängnisstrafe geahndet wird.

Sein Anwalt spricht von einem »Justizskandal« voller Ungereimtheiten. Der Schriftsteller Günter Wallraff betont den Zusammenhang zwischen dem Vorgehen der türkischen Justizbehörden und dem Engagement von Doğan Akhanlı in der Frage des Genozids an den Armeniern im Ersten Weltkrieg.

Und sogar der Zeuge, auf dessen Aussage sich die Anklage im Wesentlichen stützt, entlastet den Angeklagten. Seine Aussage, er habe Doğan Akhanlı als Beteiligten an besagtem Überfall identifizieren können, habe er unter schwerer Folter gemacht. Ausdrücklich hat dieser Zeuge seine Aussage widerrufen und ­erklärt, dass er Akhanlı 1992 nur deshalb beschuldigt habe, um weiteren Folterqualen zu entgehen.
Auch der Inhaftierte bestreitet natürlich die Vorwürfe. Er bekräftigt, dass er nie Mitglied jener inkriminierten Organisation gewesen sei, und bewaffnete Überfälle hätten zudem außerhalb seiner politischen Überzeugung gelegen. An besagtem Überfall habe er sich in keiner Weise beteiligt. Er habe sich schon Ende der achtziger Jahre gegen Tendenzen in linken türkischen Organisationen gewandt, mit bewaffneter Gewalt die Verhältnisse im Lande verändern zu wollen.

Eine unverzügliche Freilassung des Beschuldigten ist dringend geboten, betont »Recherche International« in Köln, ein Verein, der inzwischen mit einer umfangreichen Faktensammlung die Forderung nach Gerechtigkeit belegt.
Die Vermutung liegt nahe, dass die Inhaftierung einer Gesinnungsjustiz geschuldet ist, die ahnden will, dass der Beschuldigte sich kritisch mit den Gewalttraditionen der türkischen ­Republik und dem Völkermord im Osmanischen Reich auseinandersetzt.
Für die sofortige Freilassung von Doğan Akhanlı haben sich daher unter anderem Günter Grass, Edgar Hilsenrath, Günter Wallraff, Yasar Kemal, Zülfü Livaneli, Orhan Pamuk, Pinar Selek, Claudia Roth und Mikis Theodorakis ausgesprochen, auch das P.E.N.-Zentrum Deutschland und der Verband deutscher Schriftsteller (VS) sowie zahlreiche andere Organisationen.

Die Freilassung steht einer juristischen Klärung der Vor­würfe nicht im Wege. Doğan Akhanlı selbst erklärte: »Mord, ganz gleich, ob er aus politischen oder anderen Mo­tiven begangen wurde, ist ein Verbrechen, das aufgeklärt und geahndet werden muss. Dies ist nicht nur eine Pflicht gegen­über den Getöteten, sondern auch eine menschliche und gesellschaftliche Verantwortung gegenüber den Angehörigen der ­Opfer. Auch wenn die mir vorgeworfenen Straftaten verjährt sein sollten, will ich nicht, dass mit dieser Begründung das Verfahren gegen mich eingestellt wird. In diesem Land, in dem unaufgeklärte Morde nicht die Ausnahme, sondern den Normalfall darstellen, möchte ich gegen die Vorwürfe keinen Anspruch auf ›Verjährung‹ ins Feld führen. Ich will, dass die Vorwürfe gegen mich aufgeklärt werden. Dann wird das Gericht mich schließlich freisprechen müssen.«

Über vier Monate Untersuchungshaft.
Warten. Endlose Tage, endlose Nächte. Warten auf Hafterleichterung, auf den ersten Prozesstag, auf Gerechtigkeit, auf …
Ende November 2010. Der Vater stirbt in seinem Dorf am Schwarzen Meer. Ende Dezember wird Akhanlı aus der Untersuchungshaft entlassen. Und daraufhin mit einem Einreiseverbot belegt. Sein Prozess wird im März in Istanbul fortgesetzt.
In Doğan Akhanlıs Roman über den Völkermord führt ein weiser Märchen- und Geschichtenerzähler seine jungen Zuhörer durch Raum und Zeit in die Vergangenheit. Zeitsprünge, Identitätswechsel, visionäre Zukunftsbilder weisen den jungen Mann in die Geschichte der Türkei, er findet Antworten auf seine Fragen nach den Ursachen der staatlichen Gewalt, zu deren Opfern er und seine Generation geworden sind. Der Roman heißt »Die Richter des jüngsten Gerichts«.

Gustav Mahlers 2. Sinfonie, genannt Auferstehungssinfonie:
O glaube, mein Herz! O glaube:
Es geht dir nichts verloren!
Dein ist, ja Dein, was du gesehnt,
Dein, was du geliebt, was du gestritten!

Imre Török, 61, geboren in Ungarn, kam als jugendlicher Flüchtling nach Deutschland. Studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie. Bundesvorsitzender des Verbands deutscher Schriftsteller (VS), Mitglied im P.E.N.-Zentrum Deutschland. Zahlreiche Auszeichnungen. Zuletzt erschien von ihm der Roman »Insel der Elefanten« im Pop-Verlag.

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